Wie viel ist wohl das leben wert?

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ElégtelenKitűnő 
Seit etwa zwei Wochen taucht diese Frage von meiner Seele immer wieder auf, aber ich gehe nie bis zu ihrer Beantwortung weiter. Erst jetzt ist mir das Gefühl klar geworden: vielleicht habe ich vor der Antwort Angst. Ich habe Angst, meine eigene Frage zu beantworten. Was kann hinter diesem Mysterium stecken? Wieso ist es so geisterhaft schwer oder seltsam, diese Frage herumzugehen, zu schmecken oder aufzudecken?
Ich verstehe schon. In der Antwort geht es um den Tod. Um meinen Tod und dadurch um jedermanns Tod. 
Bei dieser Erkenntnis wird man nicht von der Angst, sondern von der Traurigkeit gepackt. Von der Traurigkeit des Verzichtens. Einem ist nichts mehr geblieben, was im Hinblick auf das Leben noch wertvoll wäre. Und ob mein eigenes Leben überhaupt noch wertvoll ist?
Bei der Forschung nach dem Sinn des Lebens werde ich dem Tod gegenüber gestellt. Aber ich spüre bald, dass Er gar nicht existiert. Das Wort „Tod” bezeichnet keine Wesenheit, er existiert bloss als etwas Vorgestelltes, Personifiziertes, ist aber kein Wesen. Er ist formlos, ich sehe ihn als einen Schleier. Das Besondere an ihm ist, dass er nicht abschreckend ist, sondern lieber einladed, anlockend. Aber nicht so wie ein böser Mann, der dich umgarnt, sonder eher liebartig, friedsam, verzeihend.
Was ist sein Geheimnis? Ich glaube, um den Sinn des Lebens zu verstehen, muss ich erst diesen Schleier verstehen, den wir den Tod nennen. Wäre die Formel so einfach? Brauchte ich bloss eine Erscheinung zu entdecken, um die Grosse Weishit zu besitzen? Kann ich überhaupt die Antwort bekommen? Muss ich wohl in jenem Augenblick zwischen den beiden Welten wählen? Aber warum glaube ich eigentlich, dass es zwei Welten gibt? Ein Schleier ist doch keine feste Trennwand. Ich schnelle mal trotzdem vor der „Wand” zurück, obwohl ich einfach nur überschreiten sollte, um zu erblicken, was es da gibt. Ich bin überzeugt, dass ich zurückkommen kann. Kein Zweifel, ich kann zurückkommen. Ich mache mir nicht darum Sorgen, sondern: was ist, wenn ich das, was ich dort sehen werde, so schön finde, dass ich nicht mehr zurückkommen will?
Wie seltsam: ich rede vom Tod und ich habe das Gefühl, dass er schöner als das Leben ist,  schöner als das, was ich bisher gelebt habe oder vom Leben gedacht habe. 
Hier muss wohl ein Mysterium stecken. Bei diesem Thema erlebe ich paradoxe Gedanken,  warme innere Empfindungen. Warum beschäftigt mich diese Frage seit Tagen? Ich weiss schon: um mich mit dem Mysteium des Todes bekannt zu machen. Schon wieder eine Gnade Gottes, ein weiser und milder Schupf in Richtung Lernen. Lernen von Ihm, aus Ihm, damit ich schon wieder ein bisschen, - oder noch mehr zu Ihm werde.
Ich stehe immer noch vor dem Schleier. Er ist grau-weiss, mit vielen Farbpünkten: rosa, orangengelb, hellgrün. Viele-viele Farbpünkte, aber einheitlich nur grau-weiss. Die ganze Wand schwingt, wie Seiden, vom milden Wind geweht. 
Ich spüre, ich bin nicht allein. Hinter dem Schleier versammeln sie sich, ich würde sie – meinem Bewusstsein entsprechend - Engel nennen. Sie sind stark, robust und weiss. Ja, ich sehe ihre Flügel. Männer und Frauen, aber alle Engel. Sie sind rein, weiss, freundlich leuchtend. Es erscheint ein Lächeln auf meinem Gesicht. 
Oh, du meine Güte! Es ist Vollmond, kurz nach Mitternacht, der achte Oktober - und ich treffe mich mit den Engeln des Todes! Aber warum wohl? Ich kann es niemandem vorwerfen, meine Neugier allein hat mich hergebracht. Die Frage in meinem Kopf muss wohl ein gut angebrachter Schlüssel gewesen sein, ich bin ja wegen dieses Lockvogels jetzt freiwillig da.
Und wenn ich schon da bin, will ich nicht fort. Obwohl ich den Grund meines Daseins nicht verstehe, fühle ich, dass ich weitergehen muss. 
Mein Gott, der Schleier ist aufgegangen. Wie im Theater. Die drei oder vier weisse, mannesgroße Engel treten näher, fassen mich an den Ärmen und nehmen mich auf die andere Seite des Schleiers mit. 
Sie sind zu viert. Zwei halten meine Handgelenke, zwei unterstützen mich von hinten, bei den Schultern. Sie rempeln mich nicht an, aber sie führen mich wegweisend. Ihre Worte höre ich nicht, ich spüre bloss ihre Ruhe. Ich könnte es beklemmend nennen, ist aber nicht. Ich habe keine Ahnung, was jetzt passieren wird. Ich glaube trotzdem, ich verstehe ganz genau, was passiert. 
Ich bin in einem dunklen Ort. Sie halten nicht mehr meine Hände. Sie haben mich hingebracht, wohin ich sollte. Dieser dunkle Ort ist das Zimmer des Gerichts. Ich weiss nicht, woher ich es weiss. Ich fühle, dass ich BEURTEILT WERDE. Vorhin sind Schleier von mir gefallen, solche Aura-Schichten. Ich stehe nackt in dem dunklen Raum und ich spüre, ich stehe vor einem Richtstuhl, mit den Richtern dahinter. Ich spüre sie. Die Luft ist eingespannt, der Ort kristallklar. Ich finde keine Worte für dieses komisch Vollkommene. Aber hier is alles makellos, hier ist alles sichtbar, was ich bin. Auch ich selbst kann es sehen. Ich träne und vielleicht schluchze, aber nicht wegen des Urteils, oder wegen der Angst, sondern wegen der Stärke der Wahrheit, wegen der Möglichkeit der Gegenüberstellung. Der Augenblick ist fürchterlich erhebend. 
Etwas wird gesagt. Mein Urteil wird gelesen. Ich verstehe dieWorte nicht, aber es scheint mir auch nicht wichtig zu sein. Es ist, als ob ich auf einem Fliessband wäre. Als ich hier eingetreten war, wussten sie  schon, was vorgelesen wird. Wer hier eintrifft, wird seinem vorbestimmten Schiksal gegenübergestellt. 
Jetzt spüre ich Ausgänge. Gänge, die in andere Richtungen führen. Menschen und Seelen, auch früher gelebte und komische, dämonenhfte Gestalte strömen in allerlei Fluren. Meistens sehe ich einen Fliessband mit zwei Richtungen. Darauf die Seelen der Menschen. Sollte auch ich meinen Körper verloren haben? 
Die Antwort ist ja. Es gibt keine Richter mehr. Ich habe das Gefühl, sie hatten Bemerkungen, aber ich habe  kein Urtel bekommen und Strafe auf keinen Fall. Aber ich wurde abgewogen. Das ist mein eindeutiges Gefühl, und es ist gut, dass sie nur Bemerkungen hatten. 
Auf dem Weg, wo ich jetzt bin, ist immer noch dunkel. Es ist, als müsste man noch auf etwas warten. Wie in einem Wartezimmer beim Arzt: man wartet bis man gerufen wird. Ich bin allein, aber ich fühle, es gibt viele in meiner Nähe, die genauso allein sind, wie ich. 
Wie geht es weiter? Was wird passieren? Die Neugier in mir ist wieder am stärksten. Und warum schreibe ich das alles? Vielleicht, weil ein jeder hierher kommt, ein jeder so geführt wird und ein jeder so abgewogen wird. Alle gleichmäßig. Gut, dass es so ist. In diesem bizarren Ort ist das beste Gefühl, dass alles so perfekt, so makellos hochpräzise ist. Man kann zum Tod sogar Vertrauen haben, denn man kann davon überzeugt sein: hier wird alles präzise geführt, gewogen; hier gibt es keinen Fehler - dieser Begriff war hier schon immer ungebraucht. Ich würde gern ihre Technik einmal ausspüren. 
Und ich warte immer noch im dunklen Wartesaal. Das Urteil ist hinter mir; wenn ich ein Sandwich dabei hätte, würde ich es jetzt essen. Typische Situation. 
Ich fühle mich im Augenblick erleichtert, doch dabei sehe und fühle ich, dass viele aus dem Gerichtssal kommen und sich auf ihren letzten Weg machen. Diese Gestalten sind dunkel, mit russig schwarzem Schatten. Sie gehen auf dem Fliessband abwärts und ich weiss, für sie gibt es keinen Rückweg mehr. Am unteren Ende des Weges flammert rotes und gelbes Feuer, der Fliessband läuft nur in eine Richtung: abwärts. Ich kann es betrachten. Mein Warten ist eine gnadenvolle Gelegenheit mir anzuschauen, was hier vor sich geht, und zu spüren, wie die Dinge hier laufen. 
Im Wartesaal des Flughafens habe ich ein ähnliches Gefühl gehabt. Ich schaue nur aus dem Fenster und betrachte, wie die Maschinen landen und starten, kommen und gehen. Ich sitze nur und warte, bis auch ich an die Reihe komme. Die Karte habe ich schon in der Hand; das Urteil hat schon gezeigt, wozu ich würdig bin und wozu nicht. Nur ich weiss es  noch nicht. 
Wieviel ist wohl das Leben wert? – stelle ich die Frage, da ich genug Zeit zu verstehen habe, wie ich hergekommen bin. Den Sinn des Lebens können wir erst hier richtig wahrnehmen, wo wir  nur sitzen und betrachten, mit dem Schicksal hinter uns. Ich blicke auf mein Leben „diesseits des Schleiers” wie auf ein Stück Erbse auf meiner Handfläche herab. Es ist nicht so grün, wie erwünscht, also mir ist es nicht am besten gelungen, mein Leben auszunutzen. Mein Leben ist nicht genug reif geworden. Aber die Erbse ist nicht schwarz, nur ein bisschen gelb. Unreif und fahl. 
So viel ist also mein Leben. Ich kann es auf meiner Handfläche verdichtet und mangelfrei sehen. Ich sehe unseren kleinen Hund bellen, die Stühle im Kindertgarten, die Stelle der Nachmittagsschlafe, die  Schultreppe, mein weisses Hemdchen, das blaue Halstuch, die Schularbeit in Naturkunde und die Drei darauf, Kinga aus der 7.b. wie sie mich im Erdgeschoss anlächelt, das Anmeldeformular für die Mittelschule, das Gesicht des Lehrers, wo er mich nach dem Begriff des Spiels fragt, die Sorge meiner Mutter außerhalb der Tür. Alle sind da. Alle. Auf meiner Handfläche.
Und ich schluchze nur. Ich weiss nicht, warum, aber aus voller Kraft. Über die verfehlten Möglichkeiten. Ich denke, ich kann kaum eine finden, die ich wirklich erlebt habe. Am schlimmsten ist, dass ich mich alleine beschuldigen kann. Warum habe ich es damals wohl nicht getan?
Ich beruhige mich. Ich sitze im Wartesaal, mit dem Gerichtsstuhl hinter mir, mit meinem erbsengroßen Leben in meiner Hand. Jetzt weiss ich schon, dass ich zurückgehen kann. Ich weiss, dass es hier ein kleines Tor zurück zum Schleier gibt, und dass mir niemand bei der Wiederkehr im Wege steht. Ich kehre wieder in meinen Körper, in mein Leben zurück.
Ich bin angekommen, ich bin wieder da. 
Also: wieviel ist das Leben wert? Obwohl ich vieles gesehen und erlebt habe, habe ich darauf keine Antwort bekommen. Oder doch. Das Leben is so viel wert, wie viel Wert ich hineinlege. Nur so viel - und wie viel!